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„Humane Schule“ steht seit 40 Jahren im Mittelpunkt

„Der VBE hat sich von Beginn an um das Anliegen einer konfessionell christlichen wie auch ökumenischen Orientierung bemüht.“ So stellte Gitta Franke-Zöllmer die Grundrichtung ihres Verbandes anlässlich der 40 Jahrfeier dar, der 1971 aus dem VKLD (Verband der katholischen Lehrerschaft Deutschlands) und evangelischen Erzieherverbänden hervorgegangen war.


Der VBE sei ein Gesamtlehrerverband, parteipolitisch neutral und frei von gewerkschaftlichen Zwängen jeder Art, der sich der christlichen Soziallehre und somit dem Auftrag nach mehr Bildungsgerechtigkeit verpflichtet sehe.

Dieses Fundament wurde auch in der Außensicht durch eine, die niedersächsische Landes- und Bildungspolitik an hervorragender Stelle mitgestaltende Persönlichkeit bestätigt.

„Der Unterschied zu anderen Lehrerorganisationen scheint mir darin zu liegen, dass der VBE seine bildungspolitischen Auffassungen stärker an anthropologische Grundsätze koppelt (Stichwort christliches Menschenbild) und weniger an allgemeinen Gesellschaftsanalysen. Das macht ihn fähig, die unmittelbaren Kinder- und Jugendinteressen stärker zu formulieren als es die Ableitung von gesellschaftlichen Erwägungen her erlaubt.“ So umriss Professor Wernstedt am 1. Dezember zu Beginn seines Festvortrages im Restaurant Leineschloss (Niedersächsischer Landtag) den Grundansatz gewerkschaftlicher Arbeit des VBE. Seine Kontakte zu den ersten Landesvorsitzenden Kurt Möller (1971 – 1977) und Georg Marx (1977 – 1992) seien stets angenehm und konstruktiv gewesen. Die jetzige Landesvorsitzende Gitta Franke-Zöllmer (ab 1992) sei nicht nur kompetent, sondern verbinde auf angenehme Weise gewerkschaftliche Interessen mit persönlichem Charme.

150 Gäste erlebten 40 Jahre VBE »multimedial«
Bereits im Eingangsbereich des Restaurants und des Vortragssaales präsentierte der VBE-Landesverband in zehn Schautafeln seine schulpolitischen Aktivitäten. Diese sind unter www.vbe-nds.de/40 Jahre VBE aufrufbar.

Adventlich begrüßt wurden die 150 Gäste aus Politik, Institutionen, Verbänden, Verwaltung, Wirtschaft und den VBE-Gliederungen vom stellv. Landesvorsitzenden Konrad Barth. Abgeordnete aller im nds. Landtag vertretenen Parteien „gaben dem VBE die Ehre“. Das studentische musikalische Duo Melanie Feindt (Violine) und Matthias Pohlmann (Gitarre) überraschte mit erfrischend tänzerischen Intermezzi.

Zwischen den Grußrednern hatte der Programmverantwortliche Johannes Bartels (Landesschatzmeister) zu einer launigen 40-jährigen Zeitreise aus Gesellschaft, Politik und Verband in Wort und Bild die Gäste eingeladen – glänzend moderiert von der Vorstandskollegin Melanie Spiller und von Konrad Barth.

In seiner Grußansprache würdigte Kultusminister Dr. Bernd Althusmann die stets konstruktiv-kritischen Beiträge des VBE und die unaufgeregte, zielführende Arbeitsweise der Vorsitzenden Gitta Franke-Zöllmer.

Friedhelm Schäfer, Vorsitzender des „Niedersächsischen Beamtenbundes“ bestätigte dies für die Spitzenorganisation NBB und hob zusätzlich die Verlässlichkeit des VBE als herausragendes Wesensmerkmal hervor. Die traditionelle gute Zusammenarbeit der am Schulleben beteiligten wichtigsten Partner unterstrich der stellv. Vorsitzende des Landeselternrates (LER) Stefan Bredehöft. Er wünsche sich zum Wohle der anvertrauten Kinder und Jugendlichen den Ausbau der Partizipation von Eltern und Schule.

„Mehr Gerechtigkeit wa(a)gen“ in der Berufs- und Bildungspolitik forderte VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann. Das sei nicht nur ein Gebot der Stunde, sondern für die Zukunft der Bundesrepublik elementar, deshalb haben diese Ziele alle VBE-Landesverbände auf ihre Fahnen geschrieben. In diese Richtung zielten auch die Aussagen und Anmerkungen des Festredners Professor Rolf Wernstedt (KM 1990 –1998, Landtagspräsident 1998 – 2003) in seinem Beitrag.

„Bildungspolitik in Niedersachsen zwischen Konfrontation und Konsens –
Vision, Illusion oder (notwendige) Realität“ – Vortrag von Prof. Rolf Wernstedt

Zum Thema führte Professor Wernstedt aus, wie sich in den 60er-Jahren abzeichnete, dass in der wirtschaftlich aufstrebenden Bundesrepublik die Absolventenzahlen der Gymnasien und Realschulen nicht mehr ausreichten, um den Bedarf u. a. an qualifizierten Facharbeitern abzudecken. Der ,Bildungsnotstand‘ führte zum Einsatz des ,Deutschen Bildungsrates‘, der seinerseits richtungs- und zukunftsweisende Anstöße für das Bildungswesen formulierte und forderte.

Die 70er- und 80er-Jahre seien unter anderem dadurch geprägt gewesen, dass sich ein Bewusstsein dafür entwickelte, dass durch Bildung individuelle Lebenschancen für Status und Verdienst vermittelt würden. Dadurch wurden zunehmend Privilegien, die das bisherige System verteilte, infrage gestellt. „Die ,geborenen Gymnasialeltern‘ fürchteten um die privilegierten Chancen ihrer Kinder.“ Das führte zu hoch emotional geführten Auseinandersetzungen. Trotz aller Differenzen kam es u. a. zur Einführung der Orientierungsstufen (der 5./6. Jahrgang sei oft Dreh- und Angelpunkt im Schulsystem gewesen), des 10. Hauptschuljahrgangs, des BGJ, zu verstärkten Mitbestimmungsrechten für Eltern und Schüler und zur Einrichtung von IGS’n und KGS’n als Versuchsschulen. Der VBE habe bei Diskussionen immer eine pragmatische Rolle eingenommen und beharrlich gründlichere Vorüberlegungen eingefordert.

Wernstedt warnte vor ,bildungspolitischen Argumentationsfallen‘, die zu lähmenden und fruchtlosen Auseinandersetzungen führten wie Thesen ,Reformer sind Ideologen‘, ,Begabung ist festgelegt‘, Heterogenität in den Klassen führt zu Niveauverlust oder Gesamtschulen seien leistungsfeindlich. Wichtiger wäre die Organisation ,guter Schulen‘, die ,jede Perspektive für Schülerinnen und Schüler‘ vorhalten müssten.

PISA schreckte dann mit einem ,Skandal‘ die ,eingebildeten Deutschen‘ auf: es bestehe ein straffer Zusammenhang zwischen dem sozialen Status und dem Schul-
erfolg, straffer als in jedem anderen Land. Die Antworten seien altbacken. Die abrupte Abschaffung der Orientierungsstufe habe zu neuen Problemen geführt. Wörtlich: „Sie hat nur die uneinsichtigen und egoistischen Interessen von Gymnasialvertretern bedient.“ Die lang überfällige Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen als Antwort auf den Elternwillen käme spät und halbherzig: ein zweiter Weg zum Abitur sei ausgeklammert. Eine gründliche Reform der Lehrerausbildung und -besoldung sei – auch nach Auffassung des VBE – längst überfällig, zumal die ,pädagogische Schwerstarbeit‘ von Grund- und Hauptschullehrern geleistet würde.

Zum Abschluss verwies er in dem Zusammenhang auf § 2 des Niedersächsischen Schulgesetzes. Dort hieße es, „dass die Heranwachsenden auf der Grundlage des Christentums, des europäischen Humanismus und der Ideen der liberalen, demokratischen Freiheitsbewegungen“ ihre Persönlichkeit weiterentwickeln sollten. Dazu bedürfe es nicht nur einer Ausweitung der rechtlichen Befugnisse der einzelnen Schulen, sondern einer erweiterten Professionalität der Lehrerinnen und Lehrer. Sorge bereite ihm auch die Finanzkrise: „Die ethischen Grundlagen dieser Art von Finanzwirtschaft widersprechen diametral den Werten, wie sie in unseren Schulgesetzen als Bildungsauftrag stehen.“

Landesvorsitzende Gitta Franke-Zöllmer stellte Geschichte des VBE in Blitzlichtern dar

Das anfängliche Ziel, die verschiedenen Lehrerverbände zu einem Gesamtverband (dln: Deutscher Lehrerverband Niedersachsen) unter dem Dach des DBB zusammenzufassen, scheiterte letztendlich an den „abgrenzenden Interessen“ der Klientel der anderen Verbände. Der VBE trat konsequenterweise unter der Leitung des ersten Landesvorsitzenden Kurt Möller aus dem dln aus. Ab 1974 befasste sich der „neue VBE“ von Beginn an mit Themen, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben: Lehrerbildung, Schulstruktur, Selbstständigkeit der Schule, Sonderpädagogik, Übergang Elementar- zum Primarbereich, Ganztagsschule, Eingliederung „ausländischer Kinder“ usw.

Die Vorsitzende zitierte VBE-Forderungen aus den Anfängen der 70er-Jahre, die selbst nach heutigen Maßstäben „modern“ wären. So 1972: „Der VBE sieht alle Lehrämter als gleichwertig an. Einsatz der Lehrkräfte erfolgt nach Stufenschwerpunkten oder Sonderbereichen, für die entsprechende Qualifikationen erworben werden. An den Universitäten sind entsprechende Voraussetzungen für den Erwerb der Qualifikationen zu schaffen.“ Ebenso wurde seinerzeit gefordert, die Sonderschulen und ihre Schüler stärker in das Gesamtsystem einzubeziehen: „Dies dient nicht nur ihrer Förderung, sondern ist zugleich eine größere Hilfe zu der vom VBE immer geforderten Integration dieser Kinder und Jugendlichen in die Gesellschaft:“ Schon 1973 wurden eine größere Selbstständigkeit der Schulen und die Mitwirkung der Beteiligten (Eltern, Schüler) angemahnt: „Wenn der Gesetzgeber den Schulen wirklich mehr Selbstständigkeit gewähren will, so muss er ihnen tatsächlich weitgehende Selbstständigkeit durch mehr Kompetenz übertragen. Dies erfordert insbesondere, dass die Schulen im Rahmen von Rechts- und Verwaltungsvorschriften selbstständig in der pädagogischen, didaktischen und organisatorischen Planung und Durchführung des Unterrichts und in der materiellen und personellen Verwaltung sind.“ Zur Schulstruktur wurde angeregt, das Schulwesen in den Ländern der BRD nach einheitlichen Grundsätzen zu gestalten „und stärker auf Förderung als auf Auslese auszurichten“. Die Dreigliedrigkeit sei zu überwinden. Der VBE entwickelte sein Modell zur Sekundarschule mit gleichwertigen Abschlüssen und schließlich zur „niedersächsischen Oberschule“.

1992 habe sie mit Johannes Bartels als Stellvertreter den Landesvorsitz eines trotz der schwierigen 80er-Jahre gut aufgestellten Verbandes vom Führungsteam Georg Marx / Theo Steinwede übernommen. Das Team sei durch Kurt Möller, Antonius Mellentin und Rolf Maskus ergänzt worden. Die Verbandsleitung sei in der Folge „weiblicher“ geworden. Ebenso stieg in der Lehrerschaft der prozentuale Anteil der Frauen stark an. Damit seien verstärkt Gleichstellungsfragen (Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Frauen in Führungspositionen) in den Fokus gerückt. Zunehmend verbessert habe man den Informationsfluss zu den Funktionsträgern und zu den Mitgliedern, insbesondere durch Erweiterung der Öffentlichkeitsarbeit.

„Die Mandatsträger des VBE verstehen ihre Arbeit nicht einseitig als Statuspolitik, sondern umfassend als Bildungs- und Kulturpolitik, eine Politik, in deren Mittelpunkt die Schule, genauer eine humane Schule steht.“ Bildung und Erziehung hätten die Aufgabe, der Selbstfindung und Selbstverwirklichung des Menschen zu dienen und ihn für seinen Weg durch die Welt auszustatten. Man verstünde Verantwortung als Beitrag zur Umsetzung von Werten und Normen des Grundgesetzes und zur Gestaltung des Bildungswesens in Niedersachsen. Die vom VBE primär gewählte Methode des Dialogs sei häufig mühsam, zeitraubend und wenig spektakulär.

Nach 40 Jahren sei der VBE zuversichtlich, dass die Bereitschaft der Mitglieder, sich in verschiedenen Funktionen für die Ziele und Aufgaben ihres Verbandes zu engagieren, auch in Zukunft dazu führt, Angebote für Mitglieder und die gesamte Lehrerschaft bereitzuhalten.

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