110 Jahre Frauenabitur: 1908 – 2018 Wege zur Emanzipation

Das Jubiläum – 110 Jahre Frauenabitur – verdient Beachtung. Erinnern wir uns an den Aufbruch, den die Frauenbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts nahm.
„Emanzipation“ bedeutet die Befreiung der weiblichen Persönlichkeit aus der familiären Abhängigkeit und ihren Weg von der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung – das hat 2018 Aktualität und Brisanz.
Die Emanzipation der Frau begann über Bildung, Sport, Kunst und Erwerbstätigkeit, sie bleibt eng verbunden mit ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Selbst das gilt nach wie vor. Gleichwohl erreichten sie immer nur das, was ihnen nicht länger verweigert werden konnte, und sogar dieses System ist gegenwärtig zu beobachten.
Frauen und Bildung Ausgehend vom Idealbild der Hausfrau-Gattin-Mutter
wurden die bürgerlichen Töchter noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum dienenden Weib erzogen, private Töchterpensionate nahmen sich dieser Aufgabe an. Die bürgerliche Frauenbewegung zentrierte sich auf eine Bil-
dungsbewegung. Von hier gingen die wichtigsten Ansätze für eine erfolgreiche Mädchenschulreform aus. 1908 wurden endlich die höheren Mädchenschulen in die höheren Lehranstalten eingegliedert. Die Ausbildungsinhalte waren geschlechtsspezifisch aufgelistet. Die Schulzeit
betrug seinerzeit für Mädchen dreizehn Jahre und bei gleichem Ziel in den Knabenanstalten zwölf Jahre.
Frauen und Kunst
Als 1903 und 1905 Paula Modersohn-Becker allein nach Paris gereist war, um dem „Staub von Bremen“ zu entfliehen, schreibt sie an ihren Mann Otto Modersohn: „... hier sitzt Champagner in der Luft, ganz abgesehen von der Kunst auf Schritt und Tritt.“ Dies gibt genau die Stimmung wieder, die die Frauenwelt damals beseelte: Heraus aus den Fesseln! Was für ein Freiheitsdrang, wie mutig und emanzipatorisch! Kunstschaffen in allen Sparten – Musik, Malerei, Theater etc. – wurde zum Broterwerb.
Frauen und Sport
Der Frauensport stand noch um 1865 in Abhängigkeit zu simplen äußeren Gegebenheiten. Aufgrund der Konventionen von Sitte, Anstand, Moral und Schicklichkeit waren die anfänglichen Turnbekleidungen äußerst bewegungs-
hemmend. Erst die „Eroberung der Beinkleider“ (Hosenrock, Turntrikot, Turnhose, Badeanzug ...) ermöglichte eine größere Bewegungsfreiheit. Indem die Öffentlichkeit den Frauensport annahm und sogar in Massenmedi-
en propagierte, leistete sie aktive Hilfestellung zur Emanzipation der Frau. Sport ist Emanzipationsfaktor, denn messbare Ergebnisse bringen objektive Erfolgserlebnisse. Beides bewirkt den Ansporn zu weiterer Leistungssteigerung. Leistung wurde in den Anfängen des Frauensports nach der Überwindung der Schicklichkeitsbarrieren als Maßstab anerkannt und öffentlich präsentiert; vor allem wurde die Distanz zur Leistung der Männer geringer.
Was Frauen und Männer heutzutage im Profisport verdienen, ist erstaunlich unterschiedlich, beim Fußball wird dies besonders deutlich.
Frauen und Erwerbstätigkeit
Eine solide, bedarfs- und begabungsgerechte Berufsausbildung wurde von Frauen angestrebt, die ökonomisch selbstständig sein mussten und wollten. In der Zeit von 1901 bis 1906 wurde von Helene Lange und Gertrud Bäumer das fünfbändige Werk „Handbuch zur Frauenbewegung“ herausgegeben. Damit lieferten sie einen Überblick über die Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland.
Mit einem ausführlichen Anhang von der Stellenvermittlung bis hin zum Versicherungswesen bot das Werk übersichtliche Informationen zur Berufswahl, Ausbildung und Arbeitsverwaltung. Die Herausgeberinnen verfolgten die Zielrichtung, den Frauen bewusst zu machen, dass eine
gründliche Berufsausbildung die Voraussetzung ist für das wirtschaftliche Fortkommen und für die volle Entfaltung der Fähigkeiten.
Ausblick
Zur beruflichen wie partnerschaftlichen Emanzipation ist es wesentlich, Voraussetzungen für flexible Lebensarbeitszeiten mit Berufs- und Familienzeiten für Männer und Frauen zu schaffen. Die Gleichberechtigung der Geschlechter muss permanent allgemein durchgesetzt werden und selbstverständlich sein. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen die Ziele zur „Work-Life-Balance“ ernst nehmen, unterstützen, kreativ und lebendig werden lassen. Noch bleibt viel zu tun ...
Dr. Ingrid Otto

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